Die literarische Seite von Diana Hillebrand

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Von Flügeln

Die Tasse mit dem „Fühl-Dich-gut-Emblem“ hatte einen roten Kreis mit einer Sonne darauf und stand auf der unbezahlten Stromrechnung. Sandfarbene Kaffeeringe hatten ein hübsches Muster gebildet und verbargen den ausstehenden Rechnungsbetrag wie hinter einer Sanddüne. Steffen hatte sie mir geschenkt, letzte Woche, als er mich an der nur einen Spalt geöffneten Tür stehenließ. Er drückte mir den Becher in die Hand und sagte, er würde sich melden. Irgendwann. Die billige Tasse war äußerlich genauso trostlos wie der Pulver-Cappucciono darin. Und so saß ich wieder einmal mit mieser Laune vor meinem Computer. Wortlos! Auf der Oberfläche des Kaffeeersatzes hatten sich ölähnliche Schlieren gebildet. Ich dachte an den Ölteppich der Nordsee, nahm einen Schluck und blickte auf die leuchtende Heiterkeit meines Laptops. Es war der achichweißnichtwievielte Versuch mich zu outen.

Ich wollte mich auf die große Plattform derer begeben, die ebenso wie ich auf der Suche waren. Doch auf der Suche wonach, schien die alles entscheidende Frage zu sein. Und auch heute Abend war mein Kopf so leer wie der Kanister, den ich letzte Woche zur Tankstelle getragen hatte. Tatsächlich schien es Zusammenhänge zwischen mir, meinem Leben und genereller Unvollkommenheit zu geben.

Und eben diese Unvollkommenheit spiegelte sich im dargestellten Anmeldeformular des Webseitenbetreibers wieder. Das Formular war höflich und doch ärgerte mich der drängende Ton, der sich hinter der langen Liste der Fragen verbarg. Ich trank den widerlich kalten Kaffee in kleinen Schlucken und kämpfte mit mir, den Computer einfach abzuschalten. Doch selbst dazu fehlte mir heute der Mut, denn so hätte ich meinem elektronischen Gegenüber einen weiteren Sieg verschafft und mich allein und im Dunkeln zurückgelassen. Denn der Computer war meine einzige flirrende Lichtquelle. Die Glühbirne war letzte Woche durchgebrannt. Ich hatte keine neue gekauft.

Ich startete einen weiteren Versuch, Zahlen, Daten, Fakten. Als ich mir anschließend meine menschliche Vermessung durchlas, konnte ich mich darin ebenso wenig wieder erkennen, wie auf dem Bild meiner Erstkommunion! Wer bin ich, was bin ich und wonach suche ich? Ich hatte diese Fragen gelesen und fand sie unvorsichtigerweise im ersten Moment leicht zu beantworten. Doch das waren sie nicht, das waren sie überhaupt nicht, diese Fragen waren schlichtweg nicht zu beantworten! Vielleicht sollte ich dieses verklemmte Internetformular einfach ins Netz schießen und es in einem Chat versuchen. Doch ich scheute die direkte Konfrontation mit der Einsamkeit. Ich wollte nicht in einen elektronischen Spiegel schauen, um festzustellen, dass die Welt überbelegt war. Voller verlassener kleiner Menschen, die Befriedigung suchten im weiten Universum des Datenverkehrs.

„Du …“ schrieb ich in das inzwischen bleich gewordene Netzformular. Jetzt müsste der Satz irgendwie weitergehen, etwa in dem Sinn „solltest groß, schlank, stark sein.“

Doch auch hier stolperte ich über mein Unvermögen, mich klar auszudrücken. Konnte jemand der groß und schlank war, stark sein? Außerdem wie wichtig waren diese äußeren Bedingtheiten überhaupt. Das Endprodukt einer Gillette-Titelseitenwerbung würde doch nur meine eigene Unvollkommenheit hervorheben. Und ich hatte meine Beine nicht rasiert!

Der kalte Kaffee in meiner Gute-Laune-Tasse schläferte mich ein. Ich fügte diese Tatsache gedanklich einer langen Ersatzkaffee-Bewertungsliste hinzu, auf deren Negativseite ich einen weiteren Strich zog.

„Du solltest …“ schrieb ich nun mutig und zügig auf das elektronische Schreibpapier, und um endlich wenigstens einen vollständigen Satz zu komponieren, schrieb ich ohne zu zögern oder nachzudenken weiter „eine nachweisbare Vollkommenheit aufweisen.“

Es war wunderbar! Es war, als wenn die Staubteilchen meiner Wohnung für einen Atemzug die Luft anhielten, die Zeit stehen blieb und das Schicksal sich neu zusammenfügte! Mit diesem Satz schien meinem Leben ein Quantensprung in die Leichtigkeit des Seins gelungen zu sein.

Mein Internetfrageformlar, das ich inzwischen mit dem virtuellen Hintergrund eines Büttenpapiers versehen hatte, war erleuchtet. Dieser Satz erfüllte es mit einer Reinheit und Klarheit, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Mein Kaffee erschien mir eine Spur wärmer und ich trank den letzten Schluck wie reines Lebenselixier. Und während ich mich seufzend in meinem Stuhl zurücklehnte, schickte ich erleichtert meinen Satz auf seinen elektronischen Flug und löschte mein virtuoses Computer-Licht.

Der nächste Morgen brachte Ernüchterung. Was hatte ich getan? Da flog nun dieser Satz, dieser unsägliche Satz durch die elektronischen Pipelines des virtuellen Unvermögens. Unaufhaltbar. Konnte ich rückgängig machen, was ich gestern auf den Weg gebracht hatte? Wäre es doch nur ein Brief, ein Brief, ein Formular, ein Händedruck! Irgendetwas handfestes. Etwas, das ich –  wenn auch mit großer Mühe – aus dem Briefkasten, diesem realen gelben Kasten herausfischen konnte. Ich könnte den Briefträger abfangen, ihn bitten, ihn auf einen Pulver-Kaffee einladen und erklären, dass in den Kasten gelangt ist, was nicht hinein sollte. Schließlich konnte ich mich als rechtmäßiger Absender des Briefes ausweisen und deutlich machen, das es sich um ein Versehen handelt, ein Missverständnis. „Geben Sie mir den Brief, Herrgottnochmal, geben Sie mir den Brief!“ Aber es gab keinen Brief, es gab keinen Zettel, es gab nichts.

Es gab nur diesen einen Satz, der, wenn auch nirgendwo tatsächlich nieder geschrieben, auf dem Weg ins Unendliche war. Wie viele Menschen würden diesen Satz lesen. Diese Aussage, die meinen Namen trug, meinen Namen, meine Anschrift, meine Handschrift, flog, flog und landete auf Schreibtischen und in Lebensnischen. Ich wollte ihn auslöschen, diesen Satz, den ich aufgeschrieben hatte, in einer abendlichen Laune der Einsamkeit. Stattdessen hatte ich ihm Flügel verliehen. Ich Idiot!

Menschen würden mich nun bedrängen zu erklären, würden mich überschütten mit Bekenntnissen ihrer Vollkommenheit, mit Urkunden, Dichtungen und Wahrheiten. Würden Fragen fragen und Antworten deuten, würden wissen wollen, würden globalisierend heranschwemmen und Fotos schicken. Dieser Satz würde übersetzt werden. Computerprogramme können das heutzutage, kein Problem, keine Sorge. Ich müsste antworten, auf deutsch, englisch, portugiesisch, französisch, chinesisch, bayrisch und hochdeutsch. Klar und deutlich. Mein Satz würde diskutiert werden im Chat, in Foren und Altersheimen.

Der Kaffee in meiner Tasse war irgendwie grau geworden und weißer Schaum hatte sich am Rand abgesetzt. Ich setzte mich auf die Lehne meines Kordsofas und fühlte meinen leeren Kopf. In der Ecke, dort am Ende des Raumes stand er, matt und zurückhaltend. Seine Bescheidenheit war die pure Herausforderung. Es kam mir so vor, als versammele sich eine bläuliche Aura um seinen bescheidenen Glanz. Sein Schweigen erfüllte den Raum und in meinem Kopf vernahm ich die datensichere Stimme meines graumelierten elektronischen Mitbewohners.

„Ich bin Deine Tastatur der unerfüllten Wünsche. Trag ein, wonach Du suchst, was Du bist, was zu sein, Du glaubst. Ich nehme es an und gebe es weiter, auch ohne Punkt, ohne Komma und ohne die neue deutsche Rechtschreibung.“

Ich hielt meine Tasse ein wenig zu fest in der Hand, wollte mir ein Konzept überlegen. Denn mindestens die nächsten Jahre würde ich beschäftigt sein, meine Flügel wiederzubekommen, die ich meinem Satz anvertraut hatte. Ich würde mich mit Deutungen und Bedeutungen herumschlagen, würde virtuell Gesagtes zurücknehmen, versuchen zu bleichen und schließlich zu löschen. Alles sei reine Auslegungssache würde ich argumentieren und dieser Satz, dieser Satz sei ja mehr ein Experiment gewesen. Die Wahrheit sehe ja  – wie immer – ganz anders aus, wollte ich sagen. Was sage man nicht alles so aus einer Laune heraus. Die Menschen redeten ja soviel, und in den Zeiten des Internets sei reden ein Sturzflug geworden. So schnell, dass ein kleiner Fingerzeig ausreiche, um die Welt über den einen kleinen Gedanken zu informieren, den man gerade noch gedacht hatte und der im selben Moment schon wieder vergessen war. Der Kaffee sei auch schlecht gewesen wollte ich zu bedenken geben, schlecht und kalt und man müsse der Kaffeeindustrie endlich einmal die Meinung sagen.

Den Blick nach vorn gerichtet, setzte ich mich auf den grünen Drehstuhl, fühlte mich wie Capitain Kirk auf seiner Reise in die unglaublichen Weiten des Weltalls und schaltete meine gewählte Verbindung zur Außenwelt ein.

Was mich erwartete, als ich in meinen Posteingang schaute war … nichts.

Die absolute und stille Vollkommenheit des Nichts!

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© Diana Hillebrand, 2008