Der Selbstläufer
Es war einer dieser sanften Tage. Das Licht strich golden über die herbstlichen Bäume und hinterließ Lichtflecken, die sich im Feuer des Herbstes verloren.
Jeremias Rinkelein führte bis zu diesem Tag ein sorgloses Studentenleben, das lediglich durch gelegentliche Pflichtarbeiten gestört wurde. Er befand sich in einer Phase des juristischen Studiums, die noch eine Vielzahl von Freiheiten besaß, denn das 1. Staatsexamen lag noch in weiter Ferne. Soweit hatte er es immerhin gebracht. Er hatte das Abitur bestanden und sich in einer angesehenen Universität eingeschrieben. Doch konnte sich Jeremias noch gut an düstere Zeiten erinnern. Er gehörte niemals zu den beliebten Schülern und obwohl er sich schmerzlich danach sehnte, schob ihn seine zurückhaltende Schüchternheit in den Schatten des Lebens. Er hatte sein ganzes Leben lang das Gefühl, an den Rand der Welt gedrängt zu sein und wenn er sich umblickte, sah er einen tiefen Abgrund. Doch anstatt sich dagegen zu wehren, sich den Kräften entgegenzusetzen, aufzubegehren und zu zeigen, was er zu bieten in er Lage war, hatte er gelernt, an diesem Abgrund entlangzubalancieren, stets darauf bedacht, sich nicht umzusehen, sondern nach vorne zu blicken. Und hier war er nun: Jeremias Rinkelein, den Zeit seines Lebens ein Ruf zu verfolgen schien: „Oh Herr Jemine, Herr Jemine, was soll das sein – ein Hinkebein!“ Jeremias hatte niemals gehinkt, allein sein Name schien Rechtfertigung für jahrelange Verfolgungen dieser und ähnlicher Art zu bieten. Er blickte nach vorn, war ein athletischer biegsamer Mensch geworden.
Zwei Jahre waren vergangen, seit er sein Studium aufgenommen und mit Lara, Harald und Shirley zusammengezogen war. Sie lebten in einer dieser typischen Studentenbuden, die die Eigenschaft besaßen, unterschiedlichsten menschlichen Anforderungen zu genügen. Lara war ein blondes Mädchen mit Pferdeschwanz, dessen vorwitziges Wippen sie stets in den Mittelpunkt der Ereignisse zu katapultieren schien. Harald lebte in einer Welt der Selbstzweifel, der ihn zu einem regelmäßigen Genuß sämtlicher Rauschmittel nötigte. Shirley war die kleine schwarze Hauskatze, die schon da war, bevor sie alle zusammentrafen und deren Schwanz einen Bogen um ihr kleines Universum spannte.
Ein kleines Glöckchen klingelte, als Jeremias den Buchladen betrat. Ein verstaubter Geruch vergangener Leben schlug ihm entgegen. Es war keiner dieser modernen, klimatisierten Verkaufsstätten. Hier stand die Zeit still. Jeremias überkam das Gefühl, in die Vergangenheit einzutauchen. Denn all die Dinge, die hier aufgeschrieben waren, gehörten in diesem Augenblick und bereits vorher der Vergangenheit an. Hier konnte er einen Blick zurück wagen. Er überließ sich all den Geschichten, Ideen und Zeugnissen der Vergangenheit. Sicher versuchte jedes Buch der Welt einen Einfluß auf die Zukunft zu nehmen, wollte Menschen und deren Gedanken beeinflussen. Wollte aufzeigen, dass es viele Wege gab und unendliche Möglichkeiten des Erfolges oder des Scheiterns. Man sollte daran teilhaben, sich in den Mühen wiederfinden und eingehen in die Welt der menschlichen Empfindungen. Doch eines hatten all diese geschriebenen Buchstaben, Zahlen und Erlebnisse gemein. Sie waren bereits geschehen. Selbst die Gedanken und Vorstellungen eines Zukunftsvisionärs waren bereits von diesem gedacht und niedergeschrieben worden. So gehörten auch sie der Vergangenheit an. Denn für Jeremias stand fest, die Zukunft würde anders aussehen, als alle Menschen und Bücher dieser Welt es voraussehen konnten. Bücher blickten zurück. Jeremias blickte nach vorn, auch wenn ihm dieser Blick nur bis zu seinen Fußspitzen gelang, die den nächsten Schritt ankündigten.
Er schlenderte durch den Laden. Stille umgab ihn. Hier und da nahm er ein Buch aus dem Regal, blätterte durch die Seiten und ließ sich einfangen von Bildern, Gedanken und Visionen. Manchmal war es, als seien sie direkt im Haus nebenan eingefangen worden. So wie diese Stelle in einem dicken ledergebundenen Buch mit 948 Seiten:
„Der alte Mann stand am Fenster und blickte dem Herbst ins Gesicht. Draußen sah er seinen Enkel, der einen Regen bunter Blätter über sich ergoß. Wie sollte er dem Jungen nach all den Jahren erklären, was einst geschehen war? Er fühlte sich älter, noch älter und eine Ewigkeit war vergangen, seit im leuchtenden Herbstlaub seine kindliche Stimme zu vernehmen war. Kinder schauten nach oben und sangen dem Himmel entgegen.“
Jeremias schloß die Augen und sah die Situation wie einen Film vor seinem inneren Auge. Es stimmte, Kinder sangen in den Himmel. Er klappte das Buch zu und wanderte weiter durch den stummen Raum. Der Holzfußboden knarrte ein wenig, als er langsam darauf entlang ging. Es waren keine weiteren Kunden da. Er strich mit den Händen über die Buchdeckel der Bücher die auf einem großen Tisch ausgelegt waren. Offenbar folgten sie keiner besonderen Themenordnung, sondern lagen wahllos neben- und übereinander. Sein Blick glitt an den Wänden entlang. Dort waren hölzerne Regale angebracht, in denen sich Bücher zu langen Reihen zusammenschlichteten. Sie standen dicht nebeneinander, waren, dick, dünn, rot, blau, aus Leder gebunden, in Papier verpackt, mit Folie verschlossen, klein oder groß und wußten nichts vom Leben in den anderen Büchern, das sich hinter den papier- und ledergebundenen Einbänden verbarg. Wußten nichts vom Lachen, das einem entgegenschlug, wenn man dieses oder jenes Kapitel las. Wußten nichts von den Tränen, die man vergoß, weil der buchgewordene Mensch, mit dem man litt, seinen Bemühungen schließlich erlag. Wußten nichts vom Tod, der sich hinter zauberhaft weißen Buchseiten verbergen konnte. Kannten nicht die namenlose Angst, die sich dahinter versteckte, um an geeigneter Stelle, vielleicht auf Seite 247, hervorzubrechen. Wie viele Leben hatten sich schließlich in diesem Raum eingefunden? Wie viele Tode und wie viele Neuanfänge? Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten Jeremias Rinkelein, als er eine Hand immer noch in der Tasche durch den Raum schlenderte. Sicher, es gab besonders interessante Leben, die sich hinter diesen Fassaden aus Papier verbargen. Lebenslinien, die einen in den Bann ziehen konnten. So wie es Menschen zuweilen vermochten. Dies insbesondere und nur dann, wenn sie Einblicke in die Tiefen ihres Bewußtseins gewährten. Eine Eigenschaft, die Jeremias fehlte. Er verschloß sich und er wußte es. Hinter der Ruhe seines Blickes konnte sich ein Sprung in eine Schlucht verbergen.
„Herr Jemine, Herr Jemine, was soll das sein – ein Hinkebein!“
Wieder und wieder kam ihm dieser von Kinderstimmen getragene Ausruf in den Sinn und noch heute hatte er das Gefühl, dagegen argumentieren zu müssen. Jeremias Rinkelein hatte kein Hinkebein. Wie kamen sie nur dazu, dies zu behaupten, ja es herauszuschreien, als wenn die Welt danach gefragt hätte. In der Ecke des Raumes stand ein Stuhl. Jeremias hatte sich darauf gesetzt und starrte an seinen beiden völlig gesunden geraden Beinen herunter. Was half es, daß seine Mutter ihm immer wieder gesagt hatte:
„Jeremias laß sie reden, Deine Beine sind doch völlig in Ordnung.“
Und sie hatte ein Bein gefaßt und es hochgehoben und sie waren gemeinsam durch den Raum getanzt. Jeremias hatte kein Hinkebein. Doch auch noch heute bereute er, daß ihm das einzige und wahre Argument verborgen geblieben war. Das Argument, daß eine so einfache und logische Schlußfolgerung zu sein schien. Der Satz, der alles aufgehoben hätte, ja der seine Schulkollegen als die Nichtwissenden hingestellt hätte. Es wäre ein kurzer, prägnanter Satz gewesen:
„Sein Name war Rinkelein und nicht Hinkebein“.
Manchmal war er versucht, seine alten Kameraden ausfindig zu machen und es ihnen entgegenzuschreien. Doch dann kam ihm dies völlig absurd vor. Er mußte einfach nach vorne sehen. Um sich abzulenken, ergriff er das nächste Buch. Es war neu und nicht schön. Der Einband war von einer alltäglichen nichtssagenden Art, die sich Grafiker zu Hause am PC ausdachte. Doch der Titel ließ ihn zögern: „Der Selbstläufer“
Jeremias dachte nach. Er wollte dieses Buch zuerst in seinen Gedanken erschließen, bevor er seine Neugierde durch öffnen des Umschlages befriedigen würde. Der Selbstläufer, was konnte sich dahinter verbergen. Spontan mußte er an Thomas Manns berühmtes Werk „Der Zauberberg“ denken. Er hatte es vor einigen Jahren begonnen zu lesen und nach dem ersten Drittel aufgegeben. Doch konnte er sich noch gut an das beklemmende Gefühl erinnern, daß ihn überkam, als er von einem Mann las, der seines Erachtens völlig gesund in einer Art Sanatorium ankam, um seinen Verwandten zu besuchen. Es war bedrückend Seite um Seite mitzuleben, wie dieser Mensch sich täglich mehr einredete ebenfalls krank zu sein. Ja, er wollte sogar krank werden. Denn es war die Gemeinschaft der Kranken, die ihn so anzog. War nicht dieser Mann und diese Geschichte ein „Selbstläufer“. Etwas, das sich in Gang setzte, ohne einer Aufforderung zu bedürfen? „Der Selbstläufer“ in seinen Händen hatte höchstens 200 Seiten. Würde es ausreichen, in dieser kurzen Seitenzeit eine solche Geschichte zu erzählen? Thomas Mann hatte jedenfalls mehr gebraucht. Jeremias erinnerte sich noch gut an viele Kapitel, die nötig waren, bis der Protagonist sich schließlich ein wärmendes Fußfell kaufte, weil er sich langsam damit abfand, länger im Sanatorium zu verbleiben.
Oder war der Selbstläufer tatsächlich ein Läufer? Ein Mensch, der läuft. Der tagtäglich am Morgen noch vor dem Frühstück einen Waldlauf unternahm und dabei seine Frau, die hungrig auf ihn wartete zurückließ? War der Selbstläufer jemand, der vergessen hatte, daß man vor dem Leben nicht davonlaufen konnte, weil es zu Hause bei Ei und Schinken wartete und weil jeder Lauf eines Tages ein Ende nahm?
Jeremias drehte das Buch in seinen Händen und stockte. Er kannte den Autoren!
„Andrej Bastinov“ war wie er ein junger russischer Student, der eines Tages vor der Tür stand. Er war blaß und sprach nur schlecht Deutsch. Doch man verständigte sich in der WG jederzeit und mit jedermann. Sogar mit einer schwarzen Katze. Und diese war dann ja auch sogleich um Andrejs Beine herumgeschlichen und hatte den Neuen im Mikrokosmos der WG Willkommen geheißen. Andrej wohnte drei Wochen bei ihnen. Viele Abende verbrachten sie zusammen auf der alten Couch, die unzählige Brandlöcher hatte. Andrej erzählte von „seiner Heimat“. Ein Ausdruck, der hier in Deutschland nur noch ängstliche Verwendung findet. Jeremias kam es vor, als habe man jegliches Gefühl für Heimat längst verloren. Sie, Lara, Harald und Shirley hatten lediglich eine Art „zu Hause“ gefunden. Dieses zu Hause jedoch war verschiebbar an jeden anderen Ort auf der Welt. Doch Andrej hatte von seiner Heimat gesprochen, als trüge er ein Stück davon immer in seiner Brusttasche bei sich. Er lachte viel und trank auch viel – mit Harald. Andrej war der erste lebendige Mensch, der es diesbezüglich mit Harald aufnehmen konnte, mit dem Unterschied, daß Harald in Selbstmitleid versank und Andrej ihm aufmunternd auf die Schultern klopfte.
Ihn, Jeremias, sah Andrej immer an, als wolle er ihm eine Frage stellen, aber er fragte nie. Lara erzählte eines Abends, Andrej war schon längst wieder in seiner Heimat, daß dieser schreiben würde. Sie erwähnte es in einem Nebensatz und heute tauchte diese Erinnerung auf, denn Jeremias hielt ein Buch von Andrej in den Händen.
Das Buch war aus dem Jahr 2002, also geschrieben, nachdem Andrej bereits wieder in seiner Heimat war. Jeremias Herz klopfte, als er die Seiten zwischen seinen Fingern hindurchgleiten ließ. Es war von Andrej, daran gab es keinen Zweifel, denn es handelte sich um eine russische übersetzung und am Ende des Buches fand er ein kleines Bild von ihm. Andrej lächelte darauf schwarzweiß dem Leser entgegen und sein Gesicht war umrahmt von einem dieser typischen russischen Pelzkragen.
Und dann sah Jeremias die Widmung zu Beginn des Buches:
Für Jeremias R.,
der aus dem Leben sprang!
(Hätten wir ihn davon abhalten
sollen?)
Jeremias Hände schwitzten. Auch er hatte damals eine Verbindung gespürt und wieder erinnerte er sich an Andrej’s fragenden Blick, mit dem dieser ihn bedacht hatte.
Es war an einem Sommerabend gewesen. Lara und Harald waren früher in der WG aufgetaucht und wollten für alle und insbesondere für Andrej kochen. Es sollte etwas traditionelles geben. Sie hatten sich für selbstgemachte Spätzle entschieden, die absolut daneben gingen. Am Ende kochte in dem großen Topf nur ein kleisterähnlicher Brei. Trotzdem konnten sie Andrej nur schwer davon abhalten, diesen zu probieren. Es gab ein lautes Gelächter und schließlich endete das Essen in einem Berg Spaghetti auf den Tellern. Es wurde spät an diesem Abend und sie saßen auf dem alten Sofa zusammen und philosophierten über das Leben und die Welt. Jeremias hielt sich, wie immer, zurück. Sie tranken alle zuviel Rotwein und es war Harald, der schließlich aufstand und mit Lara durch das Zimmer tanzte, bis die beiden zusammen auf dem Boden landeten. So waren am Ende, als Lara und Harald ins Bett gegangen waren, nur noch Andrej und Jeremias übrig gewesen.
Ich wußte damals nicht, was ich sagen sollte, denn Andrej sah mich nur an. Ich dachte immer, er habe dunkelgrüne Augen, nun stellte ich fest, daß eines davon eher braun war. Schließlich nahm Andrej meine Hände und seine Finger strichen leicht über meine Fingerkuppen. Ich fing an zu weinen …
Schließlich sagte er so etwas wie: Spring Jeremias!
Jeremias erinnerte sich noch genau daran, allerdings hatte er diese Bemerkung auf schlechte Deutschkenntnisse zurückgeführt und war davon ausgegangen, daß Andrej sagen wollte:
„Weine Jeremias.“
Dieses Buch allerdings stellte alles in Frage. Jeremias setzte sich gedankenverloren auf den Holzstuhl. Hatte Andrej seine Widmung also in die Zukunft geschrieben oder handelte es sich um eine Metapher? Oder hatte Andrej letztendlich erkannt, daß Jeremias am Rand seiner Welt entlangbalancierte, so als sei sie eine Scheibe? Hatte er gesehen, daß er sich immer nur eine Fußspitze vom Abgrund entfernt bewegte? Und wenn dies so war, wenn Andrej wirklich in sein Unterbewußtsein eingetaucht war, hatte er gesehen, daß er sprang?
Und was sollte das überhaupt heißen „Hätten wir ihn davon abhalten sollten?“ Wovon denn abhalten? Was war mit dem „Sprung aus dem Leben“ gemeint? Hieße das, er würde sich umbringen? Jeremias mußte zugeben, er hatte solche Gedanken. Aber kannte das nicht jeder Mensch? Sah sich nicht jeder einmal auf einer Klippe stehen und springen, um diesem Leben zu entfliehen. Das eine waren die Gedanken, aber das andere war die Tat. Könnte er tatsächlich beschließen, seinem Leben ein Ende zu setzen? Und vor allem, würde er den Mut finden, es zu tun?
Oder meinte Andrej etwas anderes. Konnte der Sprung aus dem Leben nicht auch positiv gesehen werden. Ein Schritt nach vorn um festzustellen, die Erde ist keine Scheibe, sondern rund und sein Fuß würde Halt finden auf festen Grund und er würde feststellen, daß er sich nicht am Rand, sondern immer inmitten dieser Welt befunden hätte. Davon sollte man ihn natürlich nicht abhalten. Ganz im Gegenteil, es wäre ihm zu wünschen, daß er diesen Schritt wagen würde.
Jeremias kaufte das Buch.