Schlafen
Ich bin romantisch und Peter ist Gabelstaplerfahrer.
Und nun sitze hier schon seit vier Stunden und denke über die Transparenz dieses Satzes nach. Denn hätte ich vor drei Jahren einmal einen Stift in die Hand genommen und diesen Satz aufgeschrieben, so schlicht und einfach wie er nun einmal ist, hätte ich vielleicht die Tragfähigkeit dieser Aussage erfassen können. Doch das habe ich nicht getan. War das ein Fehler? Denn wie dieser kleine einfache Satz, war es auch nur eine kleine Ungleichheit, die uns getrennt hat.
Wir lernten uns im Urlaub kennen. Ausnahmesituation und Peter ohne Stapelgabel! Es waren die schönsten zwei Wochen meines Lebens. Es stellte sich heraus, daß Peter und ich (der Zufall hatte einen guten Tag!) in derselben Stadt lebten. Und ehrlich gesagt, dauerte es auch nicht lange, bis wir im selben Bett schliefen! Obwohl, ein Bett hatten wir damals noch gar nicht, es handelte sich vielmehr um drei zusammengeschobene Matratzenteile, die in der Nacht immer wieder auseinanderrutschten. Wir hatten einen Riesenspaß! Manchmal waren wir auch müde. Dann stand Peter morgens immer Punkt fünf auf und ging zum Gabelstapeln! Er liebte seine Arbeit, weil er gebraucht wurde. Peter brachte die großen Holzpaletten mit den geschmiedeten Eisenteilen von einem Platz zum anderen! Ich fand das aufregend, denn ich kam auseiner ganz anderen Welt. Mein Vater war Arzt gewesen, bis er eines Tages nicht mehr zu meiner Mutter und mir nach Hause kam. Möglicherweise ist er immer noch Arzt, irgendwo. Seine Hände waren filigran und verstanden sich gut auf die kleinen, feinen Knoten. Ich habe es niemals verstanden! Und es dauerte viele Jahre bis ich aufhörte, bei jedem Geräusch an der Tür aufzuhorchen, ob es nicht die vertrauten Tritte meines Vaters in seinen Gesundheitsschuhen waren.
Peter kann man nicht überhören. Es durchströmt mich jedesmal, wenn ich seine polternden Schritte auf der Treppe höre. Jeden Nachmittag um vier Uhr - zuverlässig. Unsere Beziehung war nicht schlechter als andere!
Dann beschlossen wir eines Tages ein Bett zu kaufen. Wir hatten genug, vom ewigen Auseinanderrutschen und lustig war es auch nicht mehr.
Betten in Katalogen auf Hochglanzpapier. Es gab Holzbetten, Betten aus Stahl, Betten aus Korb geflochten, Betten mit Bettkasten, Betten in Schwarz, Weiße Betten, Wasserbetten, französische Betten, chinesische Betten, Hochbetten, Betten zum Aufklappen, verchromte Betten, runde Betten, Betten mit Baldachin. Eine grenzenlose Auswahl an Betten.
Wir lieferten uns einen Bettenkampf. Peter begann damit, mir jeden Morgen ein Bett auf den Frühstückstisch zu legen! Und an der Stelle, an der ich früher eine kleine Nachricht von ihm fand,
„Ich wünsche Dir einen schönen Tag, mein Schatz!“ lag nun ein Bett. Ein chinesisches Bett. Ich sah sofort, daß es viel zu hart war. Da konnte man ja gleich auf einer Holzplatte schlafen, das kam natürlich überhaupt nicht in Frage. Außerdem war es schwarz und ich wollte ein luftiges helles Schlafzimmer. Das chinesische Bett flog in den Mülleimer.
Ich konterte auf dem Abendbrottisch mit einem Wasserbett. Was für eine schöne Vorstellung ständig von Wasser umgeben zu sein und sich den sanften Bewegungen hinzugeben. Peter warf mir einen Blick zu, der alles sagte. Und mit einem „Ich will ja nicht seekrank werden!“ war das Bett vom Tisch.
Am nächsten Morgen fand ich Stahl auf dem Tisch. Rohes, hartes, stumpfes Stahl. Allein die Vorstellung in einem solchen Bett schlafen zu müssen, machte mir schlaflose Nächte. Fehlten nur noch die Handschellen. Das Bett wanderte in den verchromten Mülleimer. Ich glaube, die beiden verstanden sich gut.
Jetzt gab ich mir etwas mehr Mühe. Mein nächster Bettenkandidat war das Baldachinbett. Hier schlug mein romantisches Herz haushoch. Da durfte ein gewisses Engagement nicht fehlen. So besorgte ich passend zum Bett einige Stoffproben, um die variablen Auswahlmöglichkeiten des Baldachins möglichst anschaulich zu machen. Beides legte ich sorgsam auf den Bestelltisch und als Peter es sich auf unserem Sofa gemütlich gemacht hatte, wagte ich den Versuch. Seine Reaktion schmerzte ganz besonders, denn er nahm mich gar nicht ernst. Er dachte wirklich, ich wolle einen Scherz machen, nannte mich „Prinzessin auf der Erbse“ und jagte mich als Prinz auf dem Pferd durch die Wohnung.
Abends lag ich wach auf unseren „drei Stückchen Matratze“ und überlegte, was ich falsch gemacht hatte.
Am nächsten Morgen lag auf meinem Frühstücksteller ein kleiner Brief: „Verehrte Prinzessin auf der Erbse was halten Sie davon!“ Es war grauenvoll. Auf meinem Teller lag ein Bettkastenbett, wie es mein Bruder jahrelang in seinem Jugendzimmer hatte. Passend dazu gab es furnierte Sperrholzschränke. Mein Bruder hatte sich auch schon ewig nicht mehr bei mir gemeldet. Das Bett knallte mit voller Wucht an die Wand.
So ging das weiter, ich versuchte es mit einem Bett aus geflochtenem Korb,
Peter nannte es einen Einkaufskorb und konterte mit einem verchromten Bett. Ich präsentierte ein französisches Bett, Peter meinte, wenn dann schon richtig und servierte mit ein rundes Bett mit rotglänzender Satinbettwäsche. Und so weiter und so weiter.
Die Betten trennten uns. Im letzten Stadion entstanden noch Bettenkoalitionen, meine Mutter war selbstverständlich auf meiner Seite. Sie hatte noch nie verstanden, was ich mit Peter wollte. Peter ging so weit, seine Arbeitskollegen zu befragen, die alle der Meinung waren, seine Freundin sei wohl etwas zu verweichlicht.
Ich konnte nicht mehr schlafen, wachte am Morgen mit schwarzen Ringen unter den Augen auf. Peter war nächtelang nicht mehr zu Hause.
Heute leben wir getrennt von Tisch und Bett.
Und ich schlafe immer noch auf den drei Stück Matratze. Wie man sich bettet, so schläft man, ich schlafe phantastisch aber allein.