Essen
„Guten Tag, mein Name ist Hans Lederle!
Gestern war ich in einem Restaurant – hier gleich um die Ecke – praktisch nicht wahr? Dort habe ich ein ganz wunderbares Gericht gegessen. Wirklich phantastisch!
Doch ich muß ehrlich sagen, daß es mir heute etwas schwer im Magen liegt. Naja, das ist ja manchmal so, wenn’s was richtig gutes ist. Etwas, das man sich nicht jeden Tag gönnt, wissen Sie! Aber schließlich arbeitet man ja den ganzen Tag, die ganze Woche, Monat für Monat und das über Jahre. Da ist hin und wieder so ein gutes Essen schon mal drin. Da sind wir uns doch einig. Ach, und es wird ja auch nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Sie wissen schon was ich meine.
Ja, aber zuviel, zuviel war es dann doch. Aber man gönnt sich ja sonst nichts, wissen Sie. Bei der ganzen Arbeit. Irgendwoher muß die Kraft ja kommen (verlegenes Lachen).
Ja und teuer, teuer war es auch. Aber bei einem so richtig guten Essen. Das kostet schon was, wissen Sie. Da muß man dann schon mal was ausgeben. Schließlich sind die besonderen Zutaten ja nicht billig. Und was da alles dranhängt. Das Personal. Und erst der Küchenchef, nur aus den besten Häusern. Für wen der schon alles gekocht hat. Unglaublich! Ja, ja und übers Essen kann man die Leute doch ganz gut kennenlernen. So in geselliger Runde. Die Meiers von nebenan, Sie wissen schon, die warn auch dabei. Naja, Hildchen Meier sollte schon ein bißchen schau’n was sie ißt. Nicht, daß es mich etwas angehen würde, aber ein bißchen weniger hätt’ sicher nicht geschadet. Aber mich geht’s ja nichts an, wissen Sie. Da misch ich mich nicht ein. Wir sind ja auch Nachbarn, was soll man da schon sagen?
Aber das Essen, das war wirklich sehr gut. Alles ganz frisch. Nein, nein das kann man den Karrotten wahrhaftig ansehen, die warn mal so richtig in der Erde. Wo hat man das heutzutage noch, Karrotten aus der Erde? Das ist nicht mehr so einfach, wissen Sie. Die Menschen essen ja viel zuviel. Woher sollen die ganzen Karrotten kommen? Soviel Erde haben wir ja gar nicht mehr. Ist ja alles verbaut. Beton über Beton, da wachsen keine Karrotten mehr. Aber die, die von gestern, die kamen noch aus der Erde. Ganz sicher.
Ja, und das Hühnchen erst, mir kommt’s ja fast so vor als wär’s letzte Woche noch bei uns vorbeigelaufen. Wir haben da so einen kleinen Garten vorm Haus, wissen Sie, da könnte man sich so ein glückliches Hühnchen schon vorstellen. Mit dem lustigen Gegacker und so.
Und das kann man dann auch wirklich schmecken. So ein Hühnchen das noch gegackert hat. So vor kurzem, noch gar nicht so lange her. Also nichts mit langen Tiertransporten und so. Das würde man ja auch schmecken, wissen Sie. Nein, nein ich bin mir fast sicher, ich habe dieses Hühnchen noch gesehen. Ist noch nicht so lange her.
Ja und der Nachtisch erst. Eine K r e a t i on sage ich Ihnen. So was ham’ Sie noch nicht probiert. Vom allerfeinsten. Aber auch da muß man sagen, macht der Inhalt den Geschmack. Die pure Schokolade. Ehrlich. Und war gar nicht so schwer. Vielleicht ein bißchen Sahne, aber das ging schon noch gut rein. So ein Nachtisch. Das gehört ja dazu wissen Sie. Zu so einem richtig guten Essen. Das braucht ja einen würdigen Abschluß. Eine K o m p o s i t i on, Sie wissen was ich meine.
Getrunken. Jaha, getrunken ham’ wir auch. Wein natürlich. Muß ja sein, so zu einem richtig guten Essen. Das gehört ja dazu, wissen Sie. Sonst trinke ich ja praktisch gar nichts. Meine Frau sagt manchmal, Hermann, Du könntest ein Kamel sein so wenig wie Du trinkst. Aber hin und wieder mal ein Gläschen Wein das ist schon drin. Den besorgen wir uns immer in Italien, direkt vom Erzeuger. Ich sage Ihnen, eine wahres Weingedicht an Wein. Da gehen schon mal ein paar Kisten mit. Aber ich, ich trink’ da eigentlich nicht soviel. Hier und da mal ein Gläschen, das war’s dann aber auch. Aber bei einem guten Essen, so in geselliger Runde, da kommt dann schon der Durst, wissen Sie. Und das macht man ja auch nicht jeden Tag. Aber hin und wieder muß das schon mal sein, man gönnt sich ja sonst nichts.
Aber ich muß schon sagen, Hildchen hat ein bißchen tief reingeschaut ins Glas. Geht mich ja nix an, aber wenn das meine Frau wäre. Naja, aber wir sind ja Nachbarn, da kann man ja nichts sagen. Aber bißchen dick is’ sie schon geworden finde ich. Also wenn das meine Frau wäre, dann würde ich sagen „Hildchen jetzt wird Diät gehalten“. Aber is’ ja nicht meine, wissen Sie. Und was hat die früher die Nase hochgehalten. Und jetzt sehn’ se was se davon hat. Meine ist da ja ganz anders, die geht jeden Mittwoch zum Damenschwimmen. Das ist ne gute Sache mit den Damen. Schließlich muß man schon ein bißchen schauen wo man bleibt.
Und dann gönnt man sich auch wieder was. Ist doch schön, verstehen Sie! Und das Restaurant gestern, also ich kann’s Ihnen wirklich nur empfehlen. Sie dürfen natürlich nicht sparen. Das muß man sich dann hin und wieder schon mal gönnen. Was meinen Sie. Aber zu Hause, zu Hause schmeckt’s dann auch wieder gut. So was einfaches.
Und hin und wieder dann so ein richtig gutes Essen. Das denkt man gar nicht, daß das so ein gutes Restaurant ist, da um die Ecke. Hätten Sie das gedacht? Ne, sieht man gar nicht. Aber innen, phantastisch und wie gesagt, das Essen ein Gedicht, das kann ich Ihnen sagen.
Der Name, der fällt mir jetzt nicht mehr ein. Aber da, gleich um die Ecke, kennen se doch, da is es.
So, ja, war nett mit Ihnen zu plaudern, aber jetzt muß ich los, wissen se. Hab’ ja noch gar nix im Magen und von nix kommt nix. Sie kennen das ja.“