Die literarische Seite von Diana Hillebrand

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Ausruhen

Leise öffne ich die Tür zu meiner Wohnung, während sich noch die Gesprächsfetzen in meinem Kopf wirbelstürmig nachhallen. Ich sehne mich so sehr nach Ruhe; hatte in der U-Bahn gestanden und mir gewünscht, ich könnte per Knopfdruck den Ton um mich herum einfach abstellen. Gelähmt versuche ich abzuschalten. Es war nicht einmal ein besonderer Tag gewesen. Das übliche. Ich verbrachte meine Zeit damit, „zu Diensten zu sein“! „… Mein Name ist Frau Müller, was kann ich für Sie tun?“ Ein banaler Name in einer banalen Welt. Um was ging es eigentlich? Um Geld und darum, Geld zu haben. Natürlich mehr Geld! Ein paar Scheine aus Papier, die in kleine braune oder schwarze Lederbörsen gesteckt wurden und einen Orgasmus „eines guten Lebens“ hinterließen. Aber was war an diesem Leben gut? Was war überhaupt gut? Handelt es sich bei dem Begriff „gut“ nicht um eine ganz persönliche Anschauung! Ich blicke den Menschen immer in die Augen, wenn ich Ihnen Geld auszahle. Tief. Ging es ihnen jetzt gut? Besser als vorher? War es nicht eher Angst, die ich in ihren Augen sah, vor allem dann, wenn es sich um einen besonderes großen glänzenden Geldbetrag handelte? Ja, es war die Angst und die Erkenntnis, daß dieses Geld, diese Handvoll Gutgehens nun schon bald wieder verloren war.

Ist Ihnen schon einmal bewußt geworden, daß das Geld in dem Moment, in dem wir es in den Händen haben bereits ausgegeben ist? Wir haben es bereits verplant in unserem Kopf und es ist bereits weg, hinterläßt nur noch den Schein des Scheins.

Mir ist das gleichgültig. Denn über Dinge, die ich gar nicht mehr habe, brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Aber sie zehrt an mir die Gier der Menschen nach immer mehr Geld. Wenn sie mich dann anrufen, um ihren Zustand des „Habens“ zu erhöhen, scheint es mir jedes Mal, als würden sie dafür einen Teil von mir mitnehmen und in ihre viel zu kleinen braunen und schwarzen Geldbörsen stecken.

„Mein Name ist Frau Müller, was kann ich für Sie tun? Ah, sehr schön, Sie wollen mich in Ihren Geldbeutel sperren. Sehr gern der Herr.“

Um dann (jetzt natürlich mit gedämpfter Stimme) aus dem Inneren des engen kleinen Ledertäschchens herauszulächeln. „Wirklich sehr gern der Herr …!“ Geld regiert die Welt, so sagt man.

Doch nun bin ich zu Hause. Vertraute Ruhe scheint mir matt von den Wänden entgegen. Ich stelle meine Tasche in der Diele auf den Stuhl und werfe die dunkelrote Strickjacke darauf. Ich öffne ein Fenster und die weiche

Abendluft verbauscht sich in leisen Segeln. Niemand ist da. Niemals war jemand hier. Und ich verschmelze mit diesem Raum, den ich mir geschaffen habe, während draußen Geld die Welt regiert. Weiblich wölben sich mir die geschwungenen Lehnen meines Sofas entgegen und laden mich ein Hineinzusinken und zu vergessen. Und während ich den ganzen Tag auf andere geschaut habe, werde ich hier zum Zuschauer meiner selbst. Beobachte, wie Sofakissen mich aufnehmen. Augen schließen. Bilder reihen sich ein um an meinem Geist vorbeizuziehen. Ich lasse sie treiben wie die kleinen weißen Wolken an so manchen Sommertagen. Formationen und Gestalten entstehen, ziehen, zerfließen, vergehen, verwehen.

Ausruhen. Mit geschlossenen Augen fühle ich in mich hinein. Was wäre, wenn ich meine Arme nun nicht mehr bewegen könnte? Wenn diese wunderbare Schwere für immer auf mir ruhen würde? Kann ich sie noch bewegen? Meine Arme, die mich heute den ganzen Tag so behende, so fleißig begleitet haben, verweigern sie nun ihren Dienst? Bleischwer liegen sie neben mir, so als hätte ich die Verbindung zu ihnen gänzlich verloren. Natürlich könnte ich ihnen meinen Willen aufzwingen, dem sie schließlich zu gehorchen haben. Und ich weiß, letztendlich würden sie sich der Bewegung nicht verweigern. Aber will ich das überhaupt? Ist es nicht gerade wunderbar, dieses Gefühl wenn Geist und Körper sich scheinbar trennen?

Wie leicht muß man sich fühlen, ohne die Last dieses Körpers, der doch letztendlich doch nur Mittel zum Zweck ist. Oh, wie sehnte ich mich nach Ruhe den ganzen Tag. Und jetzt ist sie da umschließt mich sanft wie ein Kokon. Ich möchte nichts hören, nichts sehen, nichts riechen. Am liebsten wäre ich eins der kleinen Staubteilchen, die durch den Raum flirren. Tanzend und ohne einem augenscheinlichen Willen zu gehorchen. Von Leichtigkeit umgeben. Ach, wäre ich doch nur ein Staubteilchen … Niemand würde mich um etwas bitten. Niemals wieder würde der Satz: „… Mein Name ist Frau Müller, was kann ich für Sie tun?“ mich beschweren. Oder glauben Sie, daß es ein Staubteilchen gibt, das „Frau Müller“ heißt?

Obwohl, wenn ich es so aus großen Abstand betrachte, vielleicht doch. Bin ich nicht sogar ein Staubkörnchen, wenn man mich von ganz oben sieht? Würde ich, könnte mich jetzt jemand aus dem Weltall betrachten, nicht genau so aussehen? Ein kleines Stückchen „Dreck“ irgendwo da unten! Leichtgewichtig und unwichtig. Schon die kleinste Bewegung dieser Welt konnte mich schließlich aus dem Gleichgewicht bringen und ich mußte mich mitbewegen. Ob ich wollte oder nicht. So wie das kleine glänzende Staubkörnchen, daß bevor ich die Tür öffnete noch so bewegungslos auf dem Türrahmen gesessen hatte. Was war wohl passiert, als ich die Tür öffnete? Flog es nicht auf, weil es dem Sturm des Türöffnens nachgeben mußte. Oh, wie brauche ich Ruhe.

Meine Arme habe ich immer noch nicht bewegt. Doch bald würde ich es tun. Schließlich wurden sie gebraucht. Ich würde mir, wie jeden Abend, einen Tee kochen. Würde die kleinen Geräusche genießen die nur ICH dabei machte. Ich würde die Stille meiner eigenen Geräusche genießen. Leise und barfuß über den weißen Veloursteppich gehen. Geräuschlosigkeit genießen und Kraft sammeln, damit ich morgen wieder bereit war für die kleinen schwarzen und braunen Geldbörsen.

„… Mein Name ist Frau Müller, was kann ich für Sie tun?“

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© Diana Hillebrand, 2008