Die literarische Seite von Diana Hillebrand

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veröffentlicht: November 2007

Anderswo

Anderswo musste es schöner sein. Dort wären die Bäume grüner und die Vögel würden die Aufwinde nutzen, um höher hinaufzusteigen. Höher und weiter hinauf, hinauf, dorthin, wo der Himmel seinen Bogen spannen und sich das Blau so deutlich abheben würde wie die Buchstaben einer alten Matrize. Dies hier war nur ein Feldweg, ein Weg, der irgendwo hin führte. Ich wusste nicht wohin, denn ich war ihn niemals bis ans Ende gegangen. Gab es überhaupt ein Ende? Ist das Ende des einen Weges nicht der Anfang eines neuen?

Seit zehn Jahren und 283 Tagen ging ich jeden Tag diesen steilen Weg hinter meinem Haus in den Wald hinauf und wieder hinunter. Für die gesamte Strecke brauchte ich etwa viereinhalb Stunden. Im Winter trug ich Segeltuchschuhe, jedoch nur, um Erfrierungen zu vermeiden; im Frühjahr aber, wenn die Erde nicht mehr gefroren war, ging ich barfuß. Nach den vielen Jahren hatten meine Füße inzwischen eine durchgehende gelbliche Hornfläche gebildet, die sie unempfindlich machte.

Der Pfad, der sich zuerst sanft zwischen Wiesen und Feldern schlängelte, stieg nach etwa einer Stunde steil an und führte, einen Forstweg querend, schließlich in den Wald und ins Unterholz. Es hatte einige Zeit gedauert, bis ich den rechten Weg gefunden hatte. Doch die anfängliche Anstrengung ließ nach und heute konnte ich die Landschaft an mir vorüberziehen lassen. Wanderer, die mir entgegenkamen, sahen meine Augen auf den Weg geheftet. Doch mein Blick war nach innen gerichtet seit dem 22. April des Jahres 1981. Was damals geschehen war, bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben und führte zu Hornflächen auf meinen Fußsohlen. Und wenn ich Tulpen sah, musste ich mich übergeben. Werner Herzsprung, mein Therapeut, hatte nach unzähligen Sitzungen kapituliert und mir empfohlen, ich solle mich von diesen Blumen einfach fernhalten.

Der Tag heute war schön. Schöner als gestern. Isabelle, meine Exfrau, hätte ihn gemocht. Sie liebte die Frische nach einem Regentag. Dann hob sie die Nase in die Luft und sagte:

„Es riecht so frisch, als hätte der Himmel heute Waschtag!“

Sie hatte mich verlassen. Und auch Jens und Annette, ebenso wie Jule, kündigten mir die Freundschaft. Peter schob seine Arbeit vor und die Kinder der Nachbarn kamen nicht mehr, um mit mir zusammen den Hang nach kleinen Feldmäusen abzusuchen. Mein Leben war blass geworden. Wenn ich morgens in den Spiegel schaute, erschrak ich über die Blässe in meinem Gesicht. Und jeden Tag folgte ich dem Weg hinter meinem Haus, ging, bis er steil anstieg, ging, bis ich auf den Wald traf, tauchte ein in den Wald und suchte die kleine, mit Moos bewachsene Lichtung auf. Dort setzte ich mich auf einen Stein, stützte den Kopf in die Hände, verharrte einige Minuten und trat sodann den Rückweg an. Manchmal machte ich mir auch Gedanken darüber, was wäre, wenn ich einen Tag nicht gehen würde. Einfach zu Hause bleiben, Zeitung lesen. Doch der Gedanke an die gewonnene Zeit jagte mir Angst ein und so folgte ich meinem Weg hinauf und wieder hinunter. Hinauf, bis meine Füße nass waren vom feuchten Moos und hinunter, um sie vom schneidenden Wind trocknen zu lassen. Hinauf und hinunter. Hinauf, hinunter, hinauf, hinunter, hinauf …

Ich hatte gerade den Waldrand erreicht, als ich abrupt stehen blieb. Ich erschrak so sehr, als hätte mir jemand ein Glas eiskaltes Wasser über den Rücken gegossen. Denn vor mir, im dämmrigen Licht des nahenden Abends, stand ein Steinmännchen und gaffte mich an. Augenscheinlich unterschied es sich in einem sehr entscheidenden Punkt von einem herkömmlichen Steinmännchen, wie man sie zuweilen antrifft. Denn dieses hier hatte ein Gesicht und dieses Gesicht fletschte die Zähne. Sicher wurde der steinerne Gesichtsausdruck des kleinen Mannes durch die Dämmerung verstärkt. Ich atmete tief ein und nach einigen Sekunden war ich in der Lage, die Situation etwas gefasster zu betrachten. Irgendjemand hatte dem kleinen Steinmann ein Gesicht aufgemalt und ihn mitten auf meinen Weg gestellt. Wir starrten uns an, der steinerne Mann und ich. An seiner Seite hatte er so etwas wie einen Speer aus einem Ast geformt. Und seine stumme Aufforderung war unmissverständlich:

„Bis hierher und nicht weiter!“

Aber dies war mein Weg. Ich hatte ihn für mich gefunden. Doch der Kleine wirkte irgendwie beunruhigend und bedrohlich. Ich überlegte. Es wäre ja kein Problem gewesen, mich an diesem kleinen Kerl vorbeizudrücken oder, noch besser, ihm mit der Fußspitze einen Schubs zu geben. Aber ich traute mich nicht. So stand ich da und verlagerte mein Gewicht von einem Bein auf das andere. Inzwischen war es fast dunkel geworden und mir wurde klar, dass an ein Weitergehen heute nicht mehr zu denken war. Ich schnaufte und kehrte dem Männchen den Rücken. Doch dann hatte ich das untrügliche Gefühl, seinen Blick im Rücken zu spüren, wobei sich sein Fletschgesicht in ein siegesbewusstes Grinsen verwandelt hatte. Zu Hause lag ich wach im Bett und der kleine Mann aus Stein ging mir nicht aus dem Sinn.

Ich brauchte drei Tage und einige unruhige Nächte, bis ich mich beruhigt hatte. Die Sonne schien warm durch die Fenster und ich konnte mir beim besten Willen nicht mehr erklären, warum mich diese kleine Steinpyramide so aus der Fassung hatte bringen können. Trotzdem ging ich etwas früher los als sonst. Der Weg bis zum Waldrand kam mir länger vor als die Jahre zuvor. Doch schließlich erreichte ich die Stelle unserer stummen Begegnung. Mein Herz klopfte heftig und ich war auf alles gefasst, als ich um die Kurve bog, die mir den Blick auf den Wald freigeben würde. Doch da war nichts! Da stand kein Steinmännchen, kein Steinhaufen, nichts, was auch nur annähernd meine Erinnerung stützen konnte. Ich suchte im Gras, auf dem Moos, hinter Sträuchern und sogar in fast allen Erdlöchern, die ich in der Nähe ausfindig machen konnte. Keine Spur von dem kleinen Steingrinser. Aber Steinmännchen können doch nicht weglaufen! Irgendwie erleichtert und doch auch sehr nachdenklich setzte ich meinen Weg in den Wald fort. Alles würde so bleiben, wie es war. Bis ich das Unterholz erreichte, hatte ich mich schließlich selbst davon überzeugt, dass ich mir alles nur eingebildet hatte. Die Dämmerung hatte meine Fantasie offensichtlich angeregt und ich war mir auf einmal gar nicht mehr so sicher, was ich gesehen hatte.

Ganz in Gedanken versunken folgte ich meinem altbekannten Pfad, ohne meine Umgebung wahrzunehmen. Die Sonnenstrahlen schienen wie Zaubernebel durch die grünen Wipfel der Bäume und die Kiefern wogten knarrend im Wind, als ich endlich den Blick hob. Doch was mich nun auf meiner friedlichen Lichtung erwartete, verschlug mir den Atem. Es war ein Heer! Eine Armee aus Steinmännchen stand mir in stummer Verachtung gegenüber. Mindestens hundert versammelten sich hier auf kleinen Erdhügeln, standen in Steinkreisen oder lugten hinter Bäumen hervor. Sie saßen, standen, knieten oder schienen augenblicklich loslaufen zu wollen, hatten Blätter als Schilde vor ihre Steinkörper gespannt, hielten Zweige oder hatten kleine Steinmauern vor sich aufgebaut. Und alle, alle hatten sie Gesichter! Und keines dieser Gesichter glich dem anderen.

Mein Blick glitt über dieses Szenario, ohne dass mein Geist auch nur annähernd in der Lage war, irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. So stand ich da und hätte mich wohl nicht so schnell von dem Anblick lösen können, wäre meine Aufmerksamkeit nicht abgelenkt worden. Denn weit hinter dem steinernen Aufgebot sah ich, dass sich etwas bewegte. Vorsichtig tasteten sich meine Füße durch Unmengen von Steinhäufchen, deren Gesichter starr geradeaus blickten. Doch hätte es mich nicht überrascht, wenn eines den Kopf in meine Richtung gedreht hätte.

Zu meinem Erstaunen saß am Rand des Steinfeldes eine Frau, den Rücken mir zugewandt. Sie musste Mitte dreißig sein, stellte ich fest, als sie ihren Kopf zu mir drehte und mich mit einer Mischung aus Verwunderung und Ärger ansah. Eine Narbe zog sich von der linken Augenbraue bis zu ihren ausgeprägten Wangenknochen. Doch gerade diese offensichtliche Entstellung unterstrich die Schönheit dieser Frau. Sie hatte ihre tizianfarbenen Haare zu einem dicken Zopf zusammengebunden, der locker über ihrer Schulter hing, und ihre Augen waren von geradezu erschütterndem Blau.

Sie war eine Fee, saß da, auf dem weichen Waldboden, und hielt einen Stein in ihren Händen. Ich hatte das Gefühl, als hätte jemand für einen Moment die Welt angehalten, die Gravitation aufgehoben und hielte mich an den Füßen fest, um zu verhindern, dass ich durch die Lüfte schwebte. Es vergingen nur wenige Sekunden, dann stand ich mit meinen beiden Füßen wieder auf gewohntem Erdboden und sprach sie an:

„Was machen Sie hier?“.

Ihr Gesicht nahm einen ironischen Ausdruck an:

„Wonach sieht es denn aus? Ich sammle mit meinen Heinzelmännchen Pilze für das Abendessen.“

Die offensichtliche Wut hinter ihrer Ironie überraschte mich und ich verwarf die Feentheorie sofort wieder. Da mir auf diese Bemerkung keine Antwort einfiel, machte ich eine hilflose Geste und wandte mich zum Gehen. Sie seufzte.

„Ach, entschuldigen Sie. Ich bin ein bisschen genervt und habe einfach nicht erwartet, dass ich in diesem gottverlassenen Wald jemandem begegnen würde.“

Ich drehte mich zu ihr um. Sie war aufgestanden und schüttelte sich die Reste des Waldbodens vom Kleid.

„Nehmen Sie es mir nicht übel, ich heiße Vanessa.“

Sie bot mir ihre Hand, die sich angenehm und kühl anfühlte. Ich verzieh ihr alles.

„Ich bin Tim.“

(Eigentlich hieß ich Wolfgang, aber seit damals sprach ich diesen Namen nicht mehr aus.)

„Ich wollte nicht stören, aber ich komme öfters hier vorbei.“

„Dann habe ich mir wohl das falsche Stückchen Wald ausgesucht. Na ja, macht nichts, dann nehme ich einfach meine paar Steine und verschwinde.“

Wir lachten. Ich ließ meinen Blick nochmals über die Kompanie Steinmännchen gleiten.

„Warum machen Sie das?“

Sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn und seufzte. „Ach wissen Sie, das ist eine längere Geschichte. Sagen wir mal, es ist ein persönliches Projekt.“

„Wollen Sie mir davon erzählen?“

„Nein, nein, lieber nicht, es ist auch unwichtig. Ich will Sie nicht länger aufhalten.“

Bevor ich ging, drehte ich mich noch einmal zu ihr um.

„Sehen wir uns wieder?“

Als Antwort hob sie die Arme in die Luft und zuckte mit den Schultern.

Wir sahen uns wieder und Vanessa lachte, als sie erfuhr, welchen Schrecken sie mir mit ihrem steinernen Leibwächter eingejagt hatte. Sie war auch der Grund dafür, dass ich meinen Weg verließ. Inzwischen kamen mir die viereinhalb Stunden wie eine Ewigkeit vor und am Ende gab ich ihn ganz auf. Vanessa aber verfolgte ihr Steinmännchenprojekt gewissenhaft. Als ich sie das erste Mal zu Hause besuchte, überraschte es mich nicht, eine ansehnliche Anzahl von ihnen auch dort vorzufinden. Sie standen im Garten, auf der Terrasse und auch in ihrem Wohnzimmer. Wann immer ich sie danach fragte, verweigerte sie mir eine Antwort. Lediglich einen Satz sprach sie einmal aus:

„Ich suche mein Gesicht!“

Aber an einem lauen Sommerabend, an dem sogar die Steinmännchen eine gewisse Sanftheit ausstrahlten, sollte sich alles ändern.

Vanessa und ich waren uns inzwischen näher gekommen und ich genoss es, auf der Terrasse zu sitzen, ihre kühle Hand zu halten und die Sterne zu beobachten. Es klingelte an der Tür. Sie öffnete, lachte auf und bedankte sich herzlich:

„Oh danke für die schönen Blumen.“

Als sie zurück kam, hielt sie eine Vase mit roten und gelben Tulpen in ihrer Hand. Es dauerte zwei Minuten, dann hatte ich mich auf der Terrasse erbrochen und krümmte mich in grenzenloser Übelkeit. Vanessa sah mich erschrocken an:

„Was hast du?“

Statt einer Antwort brachte ich nur ein erbärmliches Würgen hervor. Ich schleppte mich ins Wohnzimmer, weg von all den Tulpen, und fand dort endlich Erleichterung. Vanessa stand im Türrahmen und schaute mich erstaunt an.

„Kann ich etwas für dich tun?“

Ich versuchte ein ironisches Lächeln.

„Ich vertrage keine Tulpen.“

„Das ist ja wohl etwas gelinde ausgedrückt.“

„Ja, ja, ich weiß. Ich war deshalb sogar schon in Behandlung.“

„Wirklich? Davon hast du mir nie erzählt.“

Ich seufzte.

„Ach Vanessa, ich habe dir so vieles nicht erzählt. Glaub mir. Aber ist es wichtig, über einen Menschen alles zu wissen, nur weil man ihn liebt?“

Sie stutzte.

„Ja, du hast Recht, auch ich war nicht offen zu dir.“

„Die Steinmännchen!“

„Genau.“ Sie ging auf mich zu und hielt mir ihre Hände entgegen.

„Vielleicht sollten wir da einiges nachholen.“

In den folgenden Stunden erfuhr ich bei mehren Gläsern Rotwein, dass Vanessa vor etwa zehn Jahren einen folgenschweren Unfall hatte. Dass so etwas passiert sein musste, erzählten ihre unzähligen Narben. Sie erzählte mir, dass es im April passiert sei. Sie war damals Anfang zwanzig und hatte gerade eine Zusage für einen Studienplatz in Aix en Provence erhalten. Sie freute sich sehr und lud spontan einige Freunde zu sich nach Hause zum Essen ein. Sie atmete hörbar ein, als sie leise sagte:

„Es sollte Quiche Lorraine geben, das weiß ich noch genau.“

Am Vormittag ging sie deshalb auf den Markt und kaufte ein. Beschwingt beschloss sie, als Frühlingsboten noch einen Strauß Tulpen zu kaufen. Sie stand gerade an einem Blumenstand, als ein betrunkener Autofahrer ungebremst und mit voller Wucht in den Straßenstand hineinfuhr.

„An mehr kann ich mich nicht erinnern und seither habe ich irgendwie das Gefühl, ich habe an diesem Tag mein Gesicht verloren. Ich lag viele Monate im künstlichen Koma. Die Verhandlung musste ohne mich stattfinden.“

Hilflos fasste sie sich mit der Hand an die Narbe.

„Der Fahrer des Wagens war betrunken. Zum Glück musste ich ihm in der Verhandlung nicht begegnen. Die Steinmännchen sind mein Versuch, mein Gesicht wiederzufinden.“

Ich hielt das Weinglas zu fest, es zerbrach in meiner Hand.

„Was ist los, Tim? Du siehst schon wieder so schlecht aus. Ich hätte dir das nicht erzählen sollen.“

Sie stand auf und brachte mir ein Geschirrtuch, das ich mechanisch um die blutende Hand wickelte. In meinen Ohren rauschte das Blut und es klang, als würde ich mit 220 Stundenkilometern über die Autobahn rasen. Unfähig, auch nur ein weiteres Wort zu sagen, stand ich auf:

„Vanessa, ich muss jetzt gehen.“

Ich ließ sie allein und verblüfft im Wohnzimmer stehen und flüchtete aus der Wohnung.

Draußen schlug mir die laue Nachtluft entgegen und ich schnappte wie ein Ertrinkender danach. Was hatte ich getan. Ich, ich war betrunken. Die Tulpen, sie klatschten auf meine Windschutzscheibe, rutschten über die Seitenspiegel, dazwischen Blut, alles voller Blut. Vanessas Blut. Ich hatte 2,8 Promille, wie sich später bei der Blutabnahme herausstellte. Meine Verurteilung nahm ich mit gesenktem Kopf entgegen, doch dem Opfer gegenüber verschloss ich mich. Stattdessen legte ich mir meine eigene Buße auf, fuhr niemals wieder mit einem Auto und ging barfuss. Jeden Tag.

Vanessa rief am nächsten Tag an, mindestens zwanzig Mal, doch ich hob nicht ab. Meine Schuhe, die ich so häufig getragen hatte in den letzten Wochen und Monaten, standen im Flur. Ich selbst machte mich auf meinen Weg, barfuß. Und ich weinte, weinte die Tränen, die ich damals heruntergewürgt hatte. Als ich auf der Waldlichtung ankam, standen sie wieder da, Vanessas stumme steinerne Diener, und diesmal sah ich die Anklage und Trauer in ihrem Blick. Nach drei Wochen gab Vanessa auf und ich konnte es ihr nicht verübeln. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck.

Nach einem halben Jahr hatte ich so etwas wie Frieden gefunden. Meine Fußsohlen sahen aus, als wären sie aus abgeriebenem altem Parmesan. Da beschloss ich, Vanessa zu schreiben.

„Vanessa,

die Feigheit, war es, die mich so hastig, so überstürzt fortgetrieben hat. Verzeih! Und doch möchte ich eine Erklärung geben für mein Tun, nun, da einige Zeit verstrichen ist, obgleich ich weiß, dass ich Dich damit für immer verliere. Vanessa, ich bin Wolfgang! Der Wolfgang, der volltrunken in den Blumenstand raste. Seit ich weiß, dass Du es warst, sehe ich unablässig blutende Tulpen in Deiner Hand! Und es gibt keine Absolution für mich. Was sollte ich sagen? Es tut mir leid? Wie fade, wie erbärmlich klingt dies selbst für meine Ohren! Was mir bleibt, ist der Rückzug.

Verdamme mich, Vanessa.

… und finde Dich und Dein schönes leuchtendes Gesicht!

Wolfgang“

Vanessa hat mir erwartungsgemäß niemals geantwortet. Doch immer am 22. April bekomme ich rote Tulpen.

Absender: Vanessa.

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© Diana Hillebrand, 2008